Deutscher Künstlerbund 1950
Aufgaben und Ziele
Der in den letzten Tagen des vergangenen Jahres in Berlin unter dem Namen »Deutscher Künstlerbund 1950« neu gegründete Deutsche Künstlerbund hat sich nicht nur die Aufgabe gestellt die Tradition des früheren Deutschen Künstlerbundes weiterzuführen, sondern setzt sich darüber hinaus zum Ziele, die Interessen der deutschen bildenden Kunst und ihrer wesentlichen Künstlerschaft ganz allgemein wirksam zu vertreten.
Seit dem Jahre 1936, in dem der frühere Deutsche Künstlerbund von den Nazis aufgelöst wurde, haben sich die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland grundlegend geändert. Hieraus sind für den neuen Deutschen Künstlerbund 1950 die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
In erster Linie ist hierbei an das Verhältnis zwischen Staat und bildender Kunst gedacht. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß heute dem Staat und den Städten in ihrem Verhältnis zur Kunst bedeutsamere Aufgaben gestellt sind, als früher. Der allgemeine Vermögensfall hat das private Mäzenatentum schwer getroffen. Die Zahl derjenigen Kunstfreunde, die noch als Mäzene anzusprechen sind, ist gering. Der Staat und die Städte haben weitgehend an die Stelle des privaten Mäzenatentums zu treten, als Freunde und Förderer, in erster Linie jedoch als Auftraggeber.
Um jedes Mißverständnis auszuschließen, sei festgestellt, daß der Deutsche Künstlerbund 1950 in keiner Weise als Dachorganisation der bestehenden regionalen Berufsverbände anzusehen ist. Vielmehr obliegt ausschließlich diesen die materielle Interessenvertretung der bildenden Künstler, während der Deutsche Künstlerbund 1950 allein die grundsätzliche Interessenvertretung der bildenden Kunst an sich und ihrer wesentlichen Künstlerschaft anstrebt. Er ist also auch nicht eine Dachorganisation für die zahlreichen regionalen und lokalen Künstlervereinigungen.
Der Staat und die Städte als Mäzene und Auftraggeber sehen sich vor Aufgaben gestellt, deren Lösung für sie wesentlich schwerer ist, als dies beispielsweise im Verhältnis zwischen dem privaten Mäzenatentum und dem Künstler in früheren Zeiten der Fall war. Das persönliche Verhältnis zwischen Mäzen und Künstler war auch in der Vergangenheit nicht immer frei von Krisen und schweren Zerwürfnissen. Stets aber war und blieb es eine Auseinandersetzung zwischen kunstbesessenen Persönlichkeiten. Heute steht dem Künstler als Partner fast stets die Bürokratie gegenüber. Gewiß bedient sich diese im Verkehr mit dem Künstler kunstsachverständiger Persönlichkeiten. Aber die Erfahrung hat gelehrt, daß noch nicht die für beide Teile beste Methode gefunden worden ist. Bei der Verteilung von Kunstpreisen, dem Ankauf von Kunstwerken, dem Vergeben von Aufträgen – bei allen Fragen überhaupt, die die Kunst angehen – sollten in weit stärkerem Umfange Künstler, Kunstkritiker, Kunstwissenschaftler, private Sammler und kenntnisreiche Kunstliebhaber herangezogen werden. Die bisherige Methode, an Beiräten und ähnlichen Körperschaften die Vertreter politischer Parteien maßgeblich zu beteiligen, ohne daß diese Vertreter selbst ein unmittelbares Verhältnis zur Kunst haben, ist unserer Ansicht nach verfehlt. Es kommt hinzu, daß die oftmals sichtbar werdende Wendung der zeitgenössischen bildenden Kunst vom Abbild zum Sinnbild das Verständnis für den Betrachter erschwert. Dies gilt noch vielmehr für solche Arbeiten, die aus dem Bereich des Unterbewußten ihre wesentliche Impulse ziehen oder in der Auseinandersetzung mit dem Realitäts-Problem der subjektiven Wahrnehmung den Vorrang gegenüber der objektiven Wirklichkeit geben. Das Verständnis für solche Arbeiten und die Beurteilung ihrer künstlerischen Qualität kann im allgemeinen von einem Vertreter politischer Parteien oder der Bürokratie weder vorausgesetzt noch verlangt werden. Hierfür ist heute ein Fachwissen notwendig, welches in diesem Umfang für die Beurteilung von Kunst bisher nicht notwendig war.
Es sei bei dieser Gelegenheit indessen ausdrücklich betont, daß der Deutsche Künstlerbund 1950 keinerlei Richtungen innerhalb der zeitgenössischen bildenden Kunst bevorzugt oder vertritt. Ebenso wie für die Mitgliedschaft im Deutschen Künstlerbund 1950 ausschließlich die künstlerische Qualität der Arbeiten eines Künstlers maßgeblich ist, so vertreten wir auch in grundsätzlichen Fragen nicht die Interessen einer bestimmten Kunstrichtung.
Wir sind lediglich der Ansicht, daß der Staat und die Städte in erster Linie die Kunst und die Künstler unterstützen sollten, in deren Werken sich der Geist unserer Zeit am sichtbarsten und eindruckvollsten manifestiert.
Deshalb sollte die Beurteilung von Kunst niemals den Mehrheitsbeschlüssen von kunstfremden Persönlichkeiten unterworfen werden. Und wenn ein Gremium von Kunstsachverständigen bei Preisverteilungen, Museums-Ankäufen, Aufträgen der Bauplanung und Ankäufen von Kunstwerken für öffentliche Gebäude Künstler berücksichtigt und auswählt, deren Werke sich dem allgemeinen Verständnis noch nicht erschlossen haben, dann sollten der Staat und die Städte nicht vergessen, daß es ihre Aufgabe ist, den Geschmack und das Urteil der Allgemeinheit zu führen, nicht ihm zu folgen!
Der Deutsche Künstlerbund 1950 betrachtet es als eine seiner wichtigsten Aufgaben, die staatlichen und städtischen Stellen immer wieder darauf hinzuweisen, daß die bisher für Ankaufszwecke von Gegenwartskunst den Museen zur Verfügung gestellten Mittel ganz wesentlich erhöht werden müssen. Unseres Erachtens entsprechen die bisher für die bildende Kunst in Deutschland zur Verfügung gestellten Gelder im Verhältnis zu den Geldern, die beispielsweise dem Theater bewilligt werden, in keiner Weise den gegebenen Notwendigkeiten. Außerdem glauben wir, daß der Geist unserer Zeit unvergleichlich viel reiner in den Ausdrucksformen der zeitgenössischen bildenden Kunst und Musik sicht- und hörbar wird, als in den Leistungen und Verwirklichungen des heutigen Theaters.
Der Deutsche Künstlerbund 1950 ist weiterhin der Ansicht, daß die seit 1945 vielfach zu beobachtende Tendenz, Kunstankäufe und Preisverteilungen mit sozialen Unterstützungsmotiven zu rechtfertigen, indiskutabel ist. Wenn in bestimmten Fällen die öffentliche Hand irgendeinen Künstler oder bestimmte Kategorien von Künstlern finanziell unterstützen will, so ist dies als soziale Hilfsaktion selbstverständlich zu begrüßen. Kunstpreise und Museumsankäufe sollten dagegen einzig und allein nach künstlerischen Wertmaßstäben verteilt bzw. vorgenommen werden.
In diesem Zusammenhang wäre zu bemerken, daß die Höhe der von den verschiedenen deutschen Städten zur Verfügung gestellten Kunstpreise im allgemeinen – von einigen erfreulichen Ausnahmen abgesehen – viel zu niedrig ist. Wir fordern mit allem Nachdruck eine wesentliche Erhöhung der für diese Preise angesetzten Summen. Sollten der Staat und die Städte hierzu nicht in der Lage sein, appellieren wir an die deutsche Unternehmerschaft, durch Stiftungen helfend einzugreifen.
Der Deutsche Künstlerbund 1950 wird ferner versuchen, die viel diskutierte Frage, ob und in welcher Höhe die öffentliche Hand bei Vergebung von Bauaufträgen einen gewissen Prozentsatz der Bausumme für Zwecke der bildenden Kunst abzweigen muß, einer endgültigen positiven Lösung entgegenzuführen. Wir sind der Auffassung, daß zwei Prozent der in Frage kommenden Gesamt-Bausumme bei öffentlichen Bauten bereit gestellt werden sollte und zwar nur für nicht zweckgebundene Werke der bildenden und angewandten Kunst. Eine gesamtdeutsche Lösung auf gleicher Basis wäre anzustreben und gesetzlich zu verankern.
Auch bei Planungen und Umgestaltungen von Parks und öffentlichen Plätzen sollten Beträge für Zwecke der bildenden Kunst generell abgezweigt werden. Gerade die moderne Plastik ist besonders geeignet, im freien Raum oder in der Landschaft zu stehen und zu wirken.
Weiter wäre zu prüfen, inwieweit und in welcher Form die bildenden Künstler bei Aufträgen, die mit dem immer mehr an Bedeutung gewinnenden allgemeinen Ausstellungswesen – von Industrie, Handel und Gewerbe – im Zusammenhang stehen, berücksichtigt werden können. Hier liegen unseres Erachtens noch ungeahnte und unausgeschöpfte Möglichkeiten, deren Aktivierung durch gemeinsames Planen der behördlichen Ausstellungs-Leitungen mit Vertretern der Künstlerschaft in Angriff genommen werden sollten.
Der Deutsche Künstlerbund 1950 wird darüber hinaus anstreben, die bildende Kunst aus ihrer bisherigen Isolierung herauszuführen und wieder in lebendigen Kontakt mit den übrigen Künsten, vor allem der Architektur, der Musik, der Literatur, dem Theater, Film und Tanz zu bringen.
Der Deutsche Künstlerbund 1950 wird es als eine seiner vornehmsten Pflichten betrachten, die Freiheit der bildenden Künste wo und gegen wen auch immer zu verteidigen. Wir glauben, daß in dem entscheidenden Kampf um die Freiheit den Künsten in unserer Zeit eine besondere Bedeutung zukommt. Nur in ihrem Bereich – vor allem auch dem der bildenden Künste – atmet tatsächlich noch jener Geist, der die Kultur des Abendlandes während der Dauer von zwei Jahrtausenden ausgezeichnet hat: der Geist der Freiheit. Und wenn heute immer wieder die Akademien und Hochschulen der bildenden Künste angegriffen werden mit dem demagogischen Hinweis, sie züchteten ein bedauernswertes Künstlerproletariat, so ist mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß diesem angeblichen Proletariat – selbst wenn Einzelne gezwungen werden sollten, später einem anderen Broterwerb nachzugehen – als Ferment der Freiheit in der Krise unserer Kultur eine nicht zu unterschätzende positive Bedeutung zukommt.
Anläßlich unserer Ausstellungen, die alljährlich in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet werden sollen, sind Vorträge und Diskussionen mit Vertretern der Geistes- und Naturwissenschaften sowie der anderen Künste beabsichtigt. Diese Ausstellungen sollen der sichtbarste Ausdruck unserer Arbeit werden und vor allem auch dem Ausland die Möglichkeit geben, sich einen verbindlichen Überblick über den jeweiligen Stand der bildenden Kunst in Deutschland zu machen. Selbstverständlich wird der Deutsche Künstlerbund 1950 versuchen, so bald als möglich mit ausländischen Künstlervereinigungen in Kontakt zu kommen, um die Möglichkeit späterer Ausstellungen im wechselseitigen Austausch zu untersuchen.
Die erste große Kunstausstellung des Deutschen Künstlerbundes 1950 wird während der »Berliner Festwochen 1951« vom 1. August bis 1. Oktober 1951 in Berlin stattfinden.