Offener Brief an den Intendanten des Hessischen Rundfunks Dr. Reitze
zur Ausstellung der Künstlerin Annegret Soltau im Hessischen Rundfunk
Berlin, den 11.07.2011
Sehr geehrter Herr Dr. Reitze,
mit großem Erstaunen habe ich den Vorgang zu den Verhüllungen der Bilder von Annegret Soltau in Ihrem Hause zur Kenntnis genommen.
Annegret Soltau ist Mitglied im Deutschen Künstlerbund und wir erleben seit vielen Jahren immer wieder die gleichen Widersprüchlichkeiten in der Rezeption der Werke der Künstlerin. Zum einen erhält Sie Preise und Würdigungen und zum anderen sieht sie sich immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Arbeit Veranstalter zu Schließungen von Ausstellungen oder zu empörten Angriffen aus der Zuschauerschaft oder aus unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen erfahren muss.
Diese Diskrepanz zwischen Lob und Schelte ist wohl auch der Schlüssel zur Betrachtung der Arbeiten und die Aufforderung an die Verantwortlichen, mutig und besonnen zugleich mit den collagierten Körperbildern umzugehen. Das Urteil der Fachwelt sollte uns stutzig machen und zugleich ermutigen, die Freiheit und die Provokation des Werkes in die gesamte Zuschauerschaft hineinzutragen und den Diskurs, der sich daraus ergibt, zu fördern und in diesem besonderen Falle auch auszuhalten.
Die Kunst von Annegret Soltau erscheint angesichts des Angebotes von öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten in Bezug auf die Argumentation um Nacktheit und Sexualität zunächst einmal nahezu harmlos. Die nackte und unverblümte Konfrontation mit unserer eigenen Verletzbarkeit aber und der daraus folgenden, unter Umständen jämmerlichen, schamlosen Sterblichkeit passt nicht in dieses Schema der Unterhaltung. Es ist die Angst um die eigene Versehrtheit, welche viele davon abhält, Annegret Soltaus Bilder mit offenem Blick anzuschauen; es ist nicht die Höflichkeit oder die vermeintliche Möglichkeit einer Beschädigung der Kunstwerke, die uns sagen lässt: verhüllt die Bilder.
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich das Recht der freien Meinungsäußerung und das Recht der Freiheit auf künstlerische Äußerung über viele Dekaden der Deutschen Geschichte bitter erkämpft; viele Künstlerinnen und Künstler haben unter Restriktionen und Verfolgungen gelitten. Unsere Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Besucher unseres Landes müssen sich unserem Verlauf der Geschichte und der daraus resultierenden freiheitlichen Grundordnung wie den Möglichkeiten der ungeschminkten Konfrontation mit Kunst zu jeder Zeit gegenwärtig sein, ebenso wie wir als Besucher Einschränkungen und Verfolgung in anderen Ländern der Erde erfahren könnten.
In unserer Großzügigkeit liegt auch die Chance zu Aufklärung und die des unerbittlichem Diskurses: Im Namen des Deutschen Künstlerbundes würde ich mir für uns alle wünschen, dass Sie den Blick in die ungeschminkte Wahrheitssuche der Werke von Annegret Soltau uneingeschränkt zulassen würden, ungeachtet der Tatsache, dass wir alle uns manches Mal gerne den Blicken entziehen würden.
Mit freundlichen Grüßen
Frank Michael Zeidler
Erster Vorsitzender