An den
Intendanten des
Westdeutschen Rundfunks Köln
Herrn Tom Buhrow

 

Offener Brief zur geplanten Veräußerung von
Kunstwerken des WDR

 

Berlin, den 20.04.2016

Sehr geehrter Herr Buhrow,

alle Gründe gegen Ihr Vorhaben, 37 Werke aus der Kunstsammlung des WDR – einer Anstalt des öffentlichen Rechts – am 21. und 22. Juni dieses Jahres durch das Londoner Auktionshaus Sotheby’s meistbietend versteigern zu lassen, sind Ihnen längst bekannt. Seitdem im Oktober des Jahres 2013 Ihre Absicht, den Haushalt Ihres Senders auch durch den Verkauf von Kunstwerken zu sanieren, zum ersten Mal öffentlich wurde, sind alle nur möglichen Gegengründe immer wieder aufgezeigt worden, allerdings ohne dass Sie von Ihrem Vorhaben Abstand genommen hätten.

 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters bat schon damals, Ihr Vorgehen zu überdenken und »verantwortungsvoll mit den durch die Gebührenzahler erworbenen Kunstwerken umzugehen«. Auch der Internationale Kunstkritikerverband (AICA) protestierte. In einem an Sie gerichteten offenen Brief hieß es: »Der WDR hat als demokratisch orientierter Sender immer auch Werke der von den Nazis verfemten Künstler erworben und sich damit als deutsches Kulturinstitut demonstrativ hinter diese Künstler gestellt«. Wenn der Sender diesen Weg verlasse, schade das seinem Ruf.

 

Bisher halten Sie präzise Informationen über den Sammlungsbestand, der, wie man hört, 600 Werke umfassen soll, zurück. Ebenso wenig ist bekannt, welche Werke auf Ihrer Verkaufsliste stehen. Damit bleibt der Öffentlichkeit die Tragweite Ihrer Entscheidung verborgen und Sie entziehen die Sammlung einer kunsthistorischen Einordnung. Überlegungen, ausgewählte Werke / Werkgruppen zur sinnreichen Ergänzung vorhandener Bestände als Dauerleihgaben an Museen im Lande zu geben, müssen dadurch substanzlos bleiben. Was nicht weiter verwundert, denn es geht ja, wie eine Sprecherin Ihres Hauses kürzlich verlautbarte, ausschließlich »um den größtmöglichen Gewinn«.

 

Dieser wäre, nach dem Sie selbst den Gesamtwert der Sammlung auf ca. 3 Mio. € schätzen, allerdings gemessen an einem Jahreshaushalt von rund 1.490 Mio. € und dem aktuellen Haushaltsdefizit von 110 Mio. € nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Umso mehr wäre es geboten, sich den Argumenten der kulturpolitischen Öffentlichkeit anzuschließen. Sie stellen sich mit der Veräußerungsabsicht in eine Reihe mit den fragwürdigen Praktiken, die mit dem Segen der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen um sich greifen. Das Verschwinden großer Teile der Kunstsammlung der mittlerweile abgewickelten Westdeutschen Landesbank, der beabsichtigte Verkauf der Restbestände dieser Sammlung zum Zwecke der Schuldentilgung durch die Portigon AG und die Versteigerung von Werken aus Beständen der landeseigenen Westspiel Gruppe flankieren die von Ihnen angestoßene Verwertung der Ihnen anvertrauten Kunstwerke.

 

Die Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit im Umgang mit Werken der bildenden Kunst, ihre dreiste und kulturvergessene Reduzierung auf Spekulationsobjekte, empfinden die Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes als zutiefst verstörend und schockierend. Ein Bewusstsein dafür, welche Verpflichtungen aus dem Eigentum an Kunstwerken erwachsen, scheint nicht einmal mehr ansatzweise vorhanden zu sein.

 

Wir protestieren aufs Schärfste gegen die Versteigerung von Werken aus den Beständen des Westdeutschen Rundfunks und fordern Sie dringend auf, dem Bildungsauftrag, der Ihrer Anstalt aufgegeben ist, Geltung zu verschaffen. Das kann nur heißen, die Kunstsammlung Ihres Hauses in die qualifizierten Hände eines Kunstmuseums zu geben, damit sie der Öffentlichkeit erhalten bleibt und ihr zugänglich gemacht werden kann.

 

 

Frank Michael Zeidler            Andrea Knobloch
Erster Vorsitzender               Vorstand